Porträtfotografie: Charakterporträt

Nach dem kurzen Boom der „Wachsfiguren-Porträts“, bei denen nicht selten die Person bis zur Unkenntlichkeit geglättet und gebügelt war, haben sich viele Fotografen die Frage gestellt, ob das immer sinnvoll ist und ob man vielleicht doch die Persönlichkeit eher hervorheben sollte, statt diese „platt“zumachen. Klar, alles ist mehr oder weniger Geschmackssache. Jeder entscheidet für sich selbst, welche fotografische Richtung er einschlägt. Dennoch bekomme ich immer wieder Anfragen von Fotografen mit der Bitte, die Techniken zu erklären, mit denen ein Charakter-Porträt kreiert werden kann. In unserem Beispiel werde ich auf viele Fragen zum Charakterporträt-Workflow eingehen und die Produktion eines solchen Bildes von Anfang bis zur Endausgabe für den Druck erklären. Die Ausgangsbilder stehen wie bei jedem Tutorial zum Download bereit. Viel Erfolg beim Nachbearbeiten!

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Für das Porträtfoto möchte ich mich bei Markus bedanken! Es macht viel Spaß mit Dir zu arbeiten. Freue mich auf weitere Projekte. Mehr über Markus und seine Arbeiten hier:
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Schritt 1

Da alle Fotos, bevor sie in Photoshop zum Nachbearbeiten gelangen, auch noch aufgenommen werden sollen, möchte ich mit der Beschreibung der Aufnahme beginnen. Optimal für Porträtfotos ist eine Aufnahme im Studio, wo Sie das Licht selbst gestalten können. Natürlich ist ein Fotostudio keine besonders preisgünstige Angelegenheit und vor ca. 5 Jahren war das Studioequipment ein Privileg von Fotografen, die mit ihrer Arbeit Geld verdienen, aber in der letzten Zeit hat sich alles ein bisschen verändert und für ein Paar Hundert Euro kann ein Heimfotostudio ausgerüstet werden, in dem Fotos auf Profi-Niveau geschossen werden können. Für eine Porträt-Produktion brauchen Sie einen Blitzkopf, eine Softbox, einen silbernen Reflektor und einen hellgrauen oder neutralen Hintergrund. Auf dem Schema sehen Sie, wie die Softbox, der Reflektor und der Hintergrund positioniert wurden. Was Fototechnik angeht, ist es optimal, wenn Sie ein oder mehrere Objektive besitzen, die die Brennweiten (umgerechnet auf Kleinbildformat) von 50 bis 100 mm abdecken. In unserem Fall wurde das Festbrennweiten-Objektiv mit 50 mm verwendet. Da die benutzte Kamera einen Verlängerungsfaktor von 1,3 hat, kommen wir auf eine Festbrennweite von 65 mm – sehr gut für Halbkörperporträts. Da die Tiefenschärfe in unserem Beispiel keine große Rolle spielen sollte, wurde zur Sicherheit die Blende 11 gewählt –  so gelingen gestochen scharfe Porträts, was für Charakterporträts optimal ist.

 

Schritt 2

Die Aufnahme des Porträts erfolgte im RAW-Format – diese Einstellung der Kamera ist sehr sinnvoll, weil Sie die Entwicklung des Fotos selbst beeinflussen können und diese nicht dem Prozessor der Kamera überlassen, was bei JPEG-Aufnahmen der Fall ist. Öffnen Sie nun das Bild im RAW-Konverter von Photoshop (die Übungsdatei steht als JPEG zum Download zur Verfügung, d.h., die Schritte 2 und 3 beziehen sich auf die RAW-Aufnahmen, wenn Sie dieses Tutorial mit eigenen Fotos nachmachen möchten). Im oberen Bereich des RAW-Converters finden Sie die Pipette Weißabgleich, mit der Sie auf den grauen Hintergrund klicken können – damit wird der Farbstich ausgebessert, was auch bei den Studioaufnahmen oft der Fall ist. Voraussetzung für die Benutzung der Weißabgleich-Pipette ist, dass der Hintergrund eine neutrale Farbe hat, wie in unserem Beispiel neutral Grau.

 

Schritt 3

Für ein Charakter-Porträt gibt es einige typische Merkmale, die Sie schon bei der Entwicklung der RAW-Datei berücksichtigen sollten. Passen Sie zuerst die Beleuchtung des Fotos an, falls das Bild zu hell oder zu dunkel wurde und korrigieren Sie außerdem folgende Werte: Erhöhen Sie den Wert für Fülllicht auf ca. 20-30; damit heben Sie die Kontraste in dunklen Bereichen an. Erhöhen Sie stark den Wert für Klarheit – damit werden sehr schwache Kontraste viel deutlicher. Für lebendigere Hautfarben erhöhen Sie außerdem den Wert für Dynamik, aber nur auf ca. +10.

 

Schritt 4

Wechseln Sie im RAW-Konverter zu der Palette Details und schärfen Sie das Bild nach. Wählen Sie bei Betrag ca. 60-70, Radius ca. 0,5 bis 1,0 (mit diesen Werten sprechen Sie feine Strukturen an, wie zum Beispiel die Haut). Erhöhen Sie den Wert für Details auf ca. 30-40. Die Einstellungen im RAW-Konverter sind jetzt so weit fertig und Sie können das Bild in Photoshop öffnen.

 

Schritt 5

Das Porträt wird jetzt freigestellt. Die Auswahl der Werkzeuge für die Freistellung liegt bei Ihnen. In unserem Beispiel wurde die Freistellung mit dem Zeichenstift-Werkzeug durchgeführt. Die Kanten, die gut zu erkennen sind, wurden sehr genau ausgewählt, der Bereich mit den Haaren wurde sehr großzügig ausgewählt, weil die genaue Freistellung der Haare mit einer anderen Technik durchgeführt wird.

 

Schritt 6

Erstellen Sie eine Kopie vom ausgewählten Bereich auf einer neuen Ebene. Benutzen Sie zum Kopieren der Auswahl die Tastenkombination Strg+J.

 

Schritt 7

Öffnen Sie die Datei mit dem strukturierten Hintergrund. Wählen Sie das Verschieben-Werkzeug und ziehen Sie die Fläche der Struktur bei gedrückter Umschalt-Taste (die Umschalt-Taste bewirkt, dass die Ebene mit der Struktur genau in der Mitte der Arbeitsfläche landet) in die Datei mit der freigestellten Figur des Mannes. Positionieren Sie die Ebene mit der Struktur unter der freigestellten Ebene.

 

Schritt 8

Jetzt brauchen Sie noch eine Ebene, die bewirken soll, dass die Haare freigestellt aussehen (in Wirklichkeit werden sie nicht freigestellt, aber wen interessiert das, wenn sie freigestellt aussehen ? ). Wählen Sie das Lasso-Werkzeug und erstellen Sie eine großzügige Auswahl von der Frisur des Mannes. Klicken Sie die Ebene mit der freigestellten Figur an. Legen Sie die Kopie des ausgewählten Bereiches mit Strg+J auf eine neue Ebene. Die Ebene mit der Frisur positionieren Sie unter der Ebene mit der Figur. Blenden Sie die Ebene mit der Figur vorerst aus. Ändern Sie die Ebenenfüllmethode für die Frisur-Ebene auf Multiplizieren. Die Ebene wird halbtransparent, aber der restliche graue Hintergrund von der Ebene mit der Frisur ist immer noch sichtbar. Das soll geändert werden.

 

Schritt 9

Erstellen Sie über der Ebene mit der Frisur eine Einstellungsebene Tonwertkorrektur mit einer Schnittmaske. Im Dialog Tonwertkorrektur wählen Sie die weiße Pipette und klicken Sie mit dieser auf die Fläche mit dem restlichen grauen Hintergrund. Der graue Hintergrund verschwindet. Das sieht wie Zauberei aus, ist aber ganz einfach zu erklären: Die Ebenenfüllmethode Multiplizieren verwandelt eine Ebene in ein „Diapositiv“, wo alle hellen Bereiche halbtransparent aussehen. Weiße Bereiche sehen auf einem Diapositiv transparent aus. Mit der weißen Pipette definieren Sie die grauen Bereiche als weiß – somit werden diese transparent. So einfach ist das.

 

Schritt 10

Blenden Sie die Ebene mit der Figur ein. Erstellen Sie auf der Ebene mit der Figur eine Ebenenmaske und wählen Sie das Pinsel-Werkzeug. Maskieren Sie den restlichen grauen Hintergrund auf der Ebene mit der Figur. Sie können ruhig mit dem Pinsel über die Haare fahren; auch wenn diese ausgeblendet werden, sind sie von der darunterliegenden Ebene (Multiplizieren) bestens zu sehen – so entsteht der Eindruck, dass die Haare des Mannes sauber freigestellt wurden.

 

Schritt 11

Die Kontraste beim Charakter-Porträt sind sehr wichtig. Das betrifft auch die Hautkontraste. Denn die Hautstruktur, die Mimik, die Falten, alles lebt auf einem Porträt durch optimale Kontraste auf. Sie können den Kontrast der Ebene mit der Figur auf eine traditionelle Weise anheben, zum Beispiel mit der Einstellungsebene Gradationskurven, oder Sie probieren folgenden Trick aus: Erstellen Sie eine Einstellungsebene Farbbalance mit einer Schnittmaske und verstärken Sie leicht die Bereiche Cyan und Blau. Maskieren Sie zuerst die gesamte Einstellungsebene, indem Sie die Maske mit schwarzer Farbe füllen, und demaskieren Sie dann mit dem Pinsel-Werkzeug und weißer Farbe die Bereiche des Bildes mit dem Gesicht und den Armen. Ändern Sie die Ebenenfüllmethode auf Weiches Licht. Der Kontrast wird deutlich stärker. Zum Verringern des Kontrasts reduzieren Sie die Deckkraft für die Einstellungsebene auf ca. 60%.

 

Schritt 12

Intensivieren Sie die blaue Farbe der Jeans. Das können Sie auf die gleiche Art machen, wie das im Schritt 11 beschrieben ist, nur ohne Änderung der Ebenenfüllmethode.

 

Schritt 13

Um den Kontrast des Stoffes für die Jeans zu verstärken, können Sie die Einstellungsebene Farbbalance mit den gleichen Einstellungen noch einmal verwenden. Duplizieren Sie die Einstellungsebene mit Strg+J und ändern Sie die Ebenenfüllmethode auf Weiches Licht. Bei Bedarf kann die Deckkraft der Einstellungsebenen auf ca. 60-70% reduziert werden.

 

Schritt 14

Erstellen Sie den künstlichen Schatten hinter der Figur des Mannes. Erzeugen Sie in der Ebenenpalette unter der Ebene mit der Figur eine Einstellungsebene Tonwertkorrektur, mit der Sie die Ebene mit der Struktur stark abdunkeln. Zum Abdunkeln bewegen Sie den mittleren Regler im Bereich Tonwertspreizung nach rechts, ungefähr so wie auf dem Screenshot. Bearbeiten Sie die Maske der Einstellungsebene so, dass nur der Bereich hinter dem Mann dunkel bleibt; alles andere soll maskiert werden. Zum Maskieren können Sie das Verlaufs-Werkzeug und das Pinsel-Werkzeug benutzen.

 

Schritt 15

Eine zusätzliche Abdunklung an den Rändern des Bildes von unten, von links und von oben verstärkt den Eindruck, dass das Licht von rechts oben kommt (wir wissen, dass das auch bei der Aufnahme so war). Dazu brauchen Sie eine weitere Einstellungsebene Tonwertkorrektur, die erst komplett maskiert und dann mit dem Verlaufs-Werkzeug mit den Optionen Linearer Verlauf, Vordergrund-Transparent, Vordergrundfarbe Weiß demaskiert wird. Die Verläufe erstellen Sie von unten, von links und von oben Richtung Mitte des Bildes.

 

Schritt 16

Bei Porträts wirken Farbabstufungen im Hintergrund sehr gut. In unserem Beispiel wird der linke obere Bereich des Hintergrundes bläulich und der Rest des Bildes gelblich eingefärbt. Wählen Sie über der Ebene mit dem Hintergrund die Einstellungsebene Farbbalance, wo Sie die Bereiche rot und gelb verstärken. Maskieren Sie mit dem Verlaufs-Werkzeug die linke Hälfte des Bildes (wie das auf dem Screenshot gezeigt ist).

 

Schritt 17

Duplizieren Sie die Einstellungsebene Farbbalance. Kehren Sie die Maske um mit der Tastenkombination Strg+Umschalt+I und ändern Sie im Dialog Farbbalance die Einstellungen so, dass die Werte für Cyan und Blau verstärkt werden.

 

Schritt 18

Die linke Hälfte der Figur des Mannes befindet sich im Schattenbereich, wenn wir den Hintergrund betrachten. Die Ausleuchtung stimmt aber noch nicht ganz. Erstellen Sie über der Ebene mit der Figur eine Einstellungsebene Tonwertkorrektur, mit der Sie die Figur abdunkeln. Maskieren Sie die Einstellungsebene Tonwertkorrektur, sodass die Abdunklung nur auf der linken Hälfte der Figur zu sehen ist. Benutzen Sie zum Maskieren das Verlaufs-Werkzeug.

 

Schritt 19

Zuletzt werden die Schritte durchgeführt, mit denen Sie die Schärfe des Bildes optimieren können. Erstellen Sie eine Kopie von allen in der Ebenenpalette enthaltenen Ebenen auf einer Ebene mit der Tastenkombination Strg+Alt+Umschalt+E.

 

Schritt 20

Erstellen Sie von der Ebene eine weitere Kopie mit Strg+J und benennen Sie die Ebenen in Hochpass grob und Hochpass fein um.

 

Schritt 21

Da Sie mit Filtern arbeiten werden und es nicht verkehrt ist, wenn Sie die Einstellungen der Filter verändern können, konvertieren Sie die erstellten Ebenen in Smart-Objekte. Die Filter werden als Smartfilter angelegt. Das bietet Ihnen die Möglichkeit, auf die Filter-Einstellungen immer zuzugreifen und diese zu verändern.

 

Schritt 22

Wählen Sie für die Ebene Hochpass fein die Einstellung Filter>Sonstige Filter>Hochpass mit einem Radius von ca. 2 Pixel. Damit schärfen Sie die feinen Strukturen wie Haut und Haare nach.

 

Schritt 23

Ändern Sie die Ebenenfüllmethode für die Ebene Hochpass fein auf Ineinanderkopieren. Jetzt können Sie deutlich die Schärfe beurteilen, wenn Sie die Ansicht des Bildes auf 100% vergrößern.

 

Schritt 24

Für die Ebene Hochpass grob nehmen Sie als Einstellung für den Hochpassfilter vorerst einen Radius von 7 Pixel. Diese können Sie später immer noch verändern, weil Sie den Dialog Hochpass in der Ebenenpalette aufrufen können.

 

Schritt 25

Für die Ebene Hochpass grob ändern Sie die Ebenenfüllmethode entweder auf Weiches Licht für milde Schärfe oder auf Ineinanderkopieren für etwas härtere Kontraste und Schärfe.

 

Und nun ist das Bild fertig und kann jetzt ausgedruckt werden. Für die Veröffentlichung im Internet können Sie das Bild auf die passende Größe bringen und dann zusätzlich mit einem weiteren Hochpassfilter nachschärfen. Diesmal aber mit dem Radius 0,5 Pixel.

Autor: Pavel Kaplun

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